IPv6, BSD & Sushi
- Ein Reisebericht aus Japan -
Hubert Feyrer, Januar 2003

1. Vorgeschichte

Die langjärige Teilnahme am Open Source Projekten führte oft zu diversen internationalen Kontakten mit Mitgliedern dieser Projekte. Als Autor dieser Zeilen arbeite ich seit 1993 am NetBSD Projekt mit, und Kontakte zu Projektmitgliedern sowie dem Herausgeber des japanischen "BSD-Magazins" ermöglichten eine Einladung zu einem BSD-Treffen im Rahmen der "Internet Week Japan". Die Konferenz fand von 16. bis 20.12.2002 in Yokohama, Japan, statt und beschäftigte sich mit fortschrittlichen Technologien rund um das Internet sowie ihren Anwendungen.

Ein einwöchiger Aufenthalt erlaubte den Besuch der Vorträge der BSD-BOF im Rahmen der Konferenz sowie etwas Sightseeing und das Knüpfen und Pflegen von Kontakten zu BSD-Entwicklern.

Im Folgenden will ich über einige der Highlights meines Japan-Besuchs berichten.

2. InternetWeek Japan - Themen

Internetweekjapan Die "Internet Week Japan"[1] fand im Konferenzzentrum "Pacifico Yokohama" statt. Der Fokus der fünftägigen Konferenz mit mehreren hundert Teilnehmern lag primär im akademisch-wissenschaftlichen Bereich. Für jeden einzelnen Vortrag musste Eintritt bezahlt werden, wobei die Preise sich umgerechnet zwischen 50 EUR und 250EUR pro Vortrag bewegten.

An Themen waren u.a. geboten:

Die Vorträge wurden durch mehrere "Bird of a Feather" (BOF) Sessions ergänzt, die sich u.a. mit den Themen "Java Engines", BSD, MBone dem JPCERT und dem Internet Relay Chat System befassten.

Von den Vorträgen wurde aufgrund der relativ hohen Preise sowie meiner kaum vorhandenen Japanisch-Kenntnisse keiner besucht, zu der BSD-BOF am Mittwoch abend war ich als Sprecher geladen.

3. BSD-BOF - Vorträge

"Bird of a Feather" (BOF) Sessions sind kleine Vorträge oder Konferenzen innerhalb einer größeren Konferenz, oft bei technischen Treffen zu finden. Für die BSD-BOF hatten sich über 200 Interessierte für die 150 vorhandenen Sitzplätze angemeldet, wer keinen Sitzplatz mehr ergattern konnte hatte die Möglichkeit, die Präsentationen wahlweise über MBone, XCast oder RealVideo zu verfolgen. Auf dem Programm standen drei Vorträge.

Den Anfang machte Hubert Feyrer mit seinem Bericht über den Regensburger Marathon-Cluster, einer Video-Rendering-Anwendung die auf 45 PCs unter NetBSD laufenden PCs die Zeileinlaufsvideos des letztjährigen Regensburger Stadtmarathons berechnete. Die Vorab-Berechnung der Videos erlaubte es jedem der mehr als 5.500 Läufer, nach Eingabe seiner Startnummer seinen eigenen Einlauf ins Ziel in Form eines 6-sekündigen MPEG-Streams anzusehen. Der Vortrag erläuterte den Aufbau des Clusters, den Ablauf des Berechnungsvorgangs sowie die daraus resultierenden Erfahrungen.

Der nächste Vortrag umfaßte die Präsentation der japanischen Linux User Group im Rahmen der BSD-BOF. Dies mag eigentümlich anmuten, macht jedoch Sinn wenn man die Situation in Japan näher betrachtet: BSD wird hier sehr stark für Forschung im Netzwerkbereich, z.B. für IPv6, Multicasting, etc., und in Embedded-Entwicklungen auf Basis von NetBSD benutzt, Linux ist primär im kommerziellen Umfeld und bei Desktop-Distributionen zu finden. Ein Austausch findet hier - wie auch in Deutschland - kaum statt, obwohl beide Systeme viele Gemeinsamkeiten aufweisen und die Neuerfindung des Rades oft durch (bessere?) Kommunikation verhindert werden könnte. In diesem Sinne fand die Vorstellung der JLUG statt, und nach meinen eigenen Erfahrungen ist derselbe Austausch zwischen Linux und BSD auch in Deutschland sehr willkommen (wenngleich auch ebenso selten).

Der dritte Vortrag der BSD-BOF beinhaltete mit XCast eine Methode für Video-Konferenzen auf Basis von Multicast über IPv6. Im Rahmen des japanischen WIDE-Projekts, das auch u.a. durch die Implementierungen von IPv6 für Linux durch das USAGI-Projekt bzw. für BSD durch das KAME-Projekt bekannt wurde, wird die Entwicklung von XCast innerhalb einer eigenen Arbeitsgruppe betrieben, als Entwicklungsplattformen, auf denen die Software heute auch bereits für die "Midnight Meetings" der Entwickler eingesetzt wird dienen Linux, FreeBSD und NetBSD. Mehr Informationen zu XCast gibt's unter http://www.XCast.jp.

Im Anschluß an die BSD-BOF fand im kleinen Rahmen ein Essen mit mehreren NetBSD-Entwicklern und Bekannten statt. Eine gute Gelegenheit, viele der Entwickler kennenzulernen, mit denen bisher nur ein Kontakt via EMail und Chat bestand. Anwesend waren u.a. (auf dem Foto von links nach rechts): Shin'ichiro Taya, Enami Tsugutomo, Jun Ebihara, Iwamoto Toshihiro, Hubert Feyrer, Noriyuki Soda, Yuji Yamano, Masao Uebayashi, Seigo Tanimura und Yoshiyuki Haraoka.

4. Situation von BSD in Japan

Nicht nur in Europa dominiert Microsoft's "Windows" das Business-Umfeld mit Bürokommunikation etc., auch in Japan ist dies der Fall. Linux ist zusammen im ISP-Umfeld zusammen mit FreeBSD und BSDi im Einsatz, im Embedded-Umfeld sind Linux und NetBSD zu finden. Letzteres wird aufgrund seiner Modularität und der damit verbundenen einfachen Portabilität gerne für neue Hardware-Projekte von Druckern über Web-Cams, Spielautomaten, Systemen zur Ansteuerung von Displays sowie von diversen Router-Herstellern verwendet. Von den BSD-Derivaten sind Apple's Darwin und OpenBSD am wenigsten verbreitet. Informationen in Form von Büchern und Zeitschriften sind vielfach vorhanden, üblicherweise in japanischer Sprache. Der BSD-Bereich weist eine Reihe von Veröffentlichungen zu FreeBSD und NetBSD auf, es existieren auch eigene Zeitschriften zu FreeBSD ("FreeBSD Expert") und BSD allgemein ("BSD Magazine").

5. IPv6 - Showroom & Background

Japan gilt als Land mit hohem technologischem Fortschritt, und nicht nur Visionäre sprechen heute von Vernetzung in vielen Bereichen wie z.B. der heimischen Küche, im Auto oder beim mobilen Telefonieren. Die Infrastruktur für eine entsprechende Vernetzung erfordert natürlich auch Adreßraum für jedes Gerät, und hier beginnt das Dilemma, da dieser bei IPv4 zum einen nur noch sehr begrenzt zur Verfügung steht, zum anderen dem asiatisch-pazifischen Raum von hausaus nur wenige Adreßbereiche zugewiesen sind, so daß hier am ehesten Bedarf an Lösungen besteht. Diverse Hacks wie private Adressen/Netze, NAT und VPNs zwischen diesen bieten hier nur unzureichende Möglichkeiten. Als "saubere" Lösung bietet sich die Implementierung und Benutzung(!) von IPv6 an, und eine Reihe namhafter Firmen wie u.a. IBM Japan, Microsoft, NEC, Sony, Toshiba und Toyota haben sich zu einem "IPv6 Promotion Council" zusammengeschlossen, um die Einführung von IPv6 zu fördern. Die gesteckten Ziele des IPv6 Promotion Councils sind in der folgenden Abbildung [2] gezeigt:

Auffällig ist hier die Konzentration auf die praktische Umsetzung und Verfügbarkeit, und weniger die Anwendung als Kernthemen - diese kann geschehen wenn die Infrastruktur erst vorhanden ist, bzw. wird auch ohnehin an anderen Stellen zur Genüge abgehandelt.

Viele Produkte und Ideen rund um das neue Internet-Protokoll sind in Showrooms in Tokyo und Oosaka zu sehen. Die beiden Showrooms wurden vom oben genannten Council eingerichtet und ausgestattet, und dienen der Information für alle Interessierten. Jeder Showroom enthält eine Webcam die den jeweils anderen Standort zeigt, und die fernsteuerbar ist - alles natürlich über IPv6. Zu sehen sind weiterhin:

Daß IPv6 auch bereits im Netz-"Alltag" Einzug gefunden hat zeigt sich bei vielen Internet-Providern, die native IPv6 anbieten und IPv4 oft nur noch als Tunnellösung zur Verfügung stellen. Auch in öffentlich verfügbaren Netzen wie dem WaveLANs im "Linux Cafe" im tokyoter Elektronik-Viertel Akihabara oder dem zwischen dem Narita-Flughafen und Osaka verkehrendem "Narita-Expreß" ist IPv6 heute selbstverständlich.

In vielen Gesprächen wurde nach der Situation von IPv6 in Deutschland bzw. Europa gefragt. Hier konnte leider wenig Innovatives bei der Umsetzung berichtet werden, was die Meinung bestätigte, daß in Europa viel Forschung auf diesem Gebiet betrieben wird, die Umsetzung jedoch leider auf der Strecke bleibt. Welche Konsequenzen dies haben wird, wenn neueste japanische Technologien IPv6-Infrastruktur zwingend voraussetzen, wird sich zeigen. Bislang fehlt dieser Zwang in Europa und Amerika (leider?) noch. Sollten sich Dienste wie das weiter oben beschriebene XCast oder IPv6 im Rahmen von GPRS/UMTS durchsetzen, dann mag sich dies vielleicht ändern.

6. Akihabara

Am Bahnhof bereits (in lateinischer Schrift!) als "Electric City" ausgewiesen ist Akihabara der Stadteil von Tokyo, in dem sich alle Elektro- und Computerläden befinden. Der Stadtteil ist mehrere Häuserblöcke groß, und neben einigen großen Straßen von zahllosen Gassen und kleinen Straßen durchzogen, in denen sich ein Laden neben dem anderen befindet, oft auf fünf oder mehr Stockwerke verteilt. Unmengen an Leuchtreklame, Stände mit Straßenverkauf und Händler die ihre Waren lauthals anpreisen bilden eine perfekte Jahrmarktsatmosphäre. Nur daß hier PCI-Karten anstatt Popcorn und Computer jeglicher Coleur anstatt Luftballons feilgeboten werden.

Einige Impressionen von gesehener Hardware:

Neben Neugeräten gibt es v.a. auch viele Läden die gebrauchte Computer ganz oder in Teilen anbieten - ein in Deutschland eher schwach bestückter Markt, der jedoch einen Besuch in Akihabara erst richtig interessant macht und das Herz jedes Technik-Freaks höherschlagen läßt.

7. Kultur

Neben viel Technik und Sightseeing werden bei einem Auslandsaufenthalt auch jede Menge neuer Eindrücke und Erfahrungen aus dem Alltagsleben gesammelt, die oft Vorurteile widerlegen oder einfach Unterschiede zum Leben in Deutschland aufzeigen. Einige dieser Eindrücke sollen hier zusammengefasst werden.

Bereits bei den Reisevorbereitungen wird man im Reiseführer über diverse Preise stolpern, die nicht ganz kompatibel zu den Heimischen sind, so werden etwa Hotelpreise mit 150EUR aufwärts angegeben, für Restaurant-Besuche wird empfohlen nicht unter 50 EUR einzurechnen. Die Realität zeigt hier, daß man jedoch auch wesentlich billiger leben kann! Unterkunft in "normalen" Hotels ist in Yokohama und Tokyo ab 70 EUR aufwärts zu haben, und wer der einheimischen Küche nicht abgeneigt ist, wird auch für unter 10 EUR satt. Hier sollte man dann allerdings kein Sushi erwarte, sondern Nudelsuppen (sehr lecker!) oder Reis und irgendwelche Beilagen. Umfangreichere Menüs - und hierzu darf man dann auch Sushi rechnen, wenn man satt werden will - sind dann allerdings wirklich teuer, und werden ab 20 bis 30 EUR aufwärts an vielen Orten angeboten. Etwas Geld sparen kann man dann bei den Getränken, zu jedem Essen gibt's wahlweise Wasser oder grünen Tee gratis. Eine sehr schöne Sitte, die in Deutschland leider nicht verbreitet ist.

Wer nicht essen gehen mag oder sich für's Hotelzimmer mit diversen Sachen eindecken will kann dies in einem der zahllosen 24-Stunden-Supermärkte tun, wo man alles für's Leben nötige erhält. Auch viele kleinere Lokale haben rund um die Uhr auf, so daß man auch auf warmes Essen um 2 Uhr morgens nicht verzichten muß. Sonstige Geschäfte haben üblicherweise auch am Wochenende auf, mit einem Ruhetag einmal die Woche. Geöffnet wird hier oft erst um 10 oder 11 Uhr morgens, dafür kann man dann bis 21h Abends oder noch länger einkaufen.

Wo nochmal sehr viel Geld für einen Japan-Besuch einzuplanen ist ist beim Flug: dieser ist kaum unter 600 EUR zu erhalten, bei kurzfirstigen Reisen sind dann 800 EUR und mehr angesagt. Abgesehen von diesem Posten ist ein Aufenthalt in Japan jedoch nicht wesentlich teurer als ein Aufenthalt in Europa oder den USA.

Wo man jedoch merkliche Unterschiede feststellen wird ist bei Schrift und Sprache. Wer in Japan aus dem Flugzeug steigt wird erstmal zum Analphabeten, von Sprache nicht zu reden. Zwar sind manche Sachen an Flughafen, Bahnhöfen oder öffentlichen Gebäuden und Plätzen noch in Englisch angeschrieben, zum Durchkommen reicht dies jedoch kaum. Die japanische Schrift besteht aus zwei Silbenalphabeten, Hiragana und Katakana, sowie den chinesischen Schriftzeichen mit mehreren tausend Zeichen - unmöglich hier alle zu kennen, aber zumindest ein gutes bildliches Gedächtnis hilft hier bereits beim erkennen von Ortnamen etc. weiter. Im Alltagsbild ist die Silbenschrift Katakana sehr verbreitet und oft benutzt um aus dem Englischen übernommene Begriffe zu schreiben.

Worauf man sich jedoch nicht verlassen sollte ist, daß man selbst in Tokyo mit Englisch durchkommt. Zwar wird Englisch wohl an der Schule unterrichtet, aber mangels Übung auch recht schnell wieder vergessen, so daß hier evtl. etwas auf die Kommunikation mit Hilfe von Hände und Füße zurückgegriffen werden muß. Sowohl Schrift als auch Sprache sind jedoch im Alltagsleben (Restaurants, Shopping, etc.) keine große Hürde.

Damit möchte ich meinen Reisebericht schließen, und jedem interessierten Leser viel Spaß bei einem eventuellen Aufenthalt in Japan wünschen!

Links:

[1] http://www.internetweek.jp/
[2] http://www.ipv6tf.org/PublicDocuments/IPv6_Promotion_Council_Overview.pdf
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