Ein einwöchiger Aufenthalt erlaubte den Besuch der Vorträge der BSD-BOF im Rahmen der Konferenz sowie etwas Sightseeing und das Knüpfen und Pflegen von Kontakten zu BSD-Entwicklern.
Im Folgenden will ich über einige der Highlights meines Japan-Besuchs berichten.
Die "Internet Week Japan"[1] fand im Konferenzzentrum "Pacifico Yokohama"
statt. Der Fokus der fünftägigen Konferenz mit mehreren hundert Teilnehmern
lag primär im akademisch-wissenschaftlichen Bereich. Für jeden einzelnen Vortrag
musste Eintritt bezahlt werden, wobei die Preise sich
umgerechnet zwischen 50 EUR und 250EUR pro Vortrag bewegten.
An Themen waren u.a. geboten:
Von den Vorträgen wurde aufgrund der relativ hohen Preise sowie meiner kaum vorhandenen Japanisch-Kenntnisse keiner besucht, zu der BSD-BOF am Mittwoch abend war ich als Sprecher geladen.
"Bird of a Feather" (BOF) Sessions sind kleine Vorträge oder
Konferenzen innerhalb einer größeren Konferenz, oft bei technischen
Treffen zu finden. Für die BSD-BOF hatten sich über 200 Interessierte
für die 150 vorhandenen Sitzplätze angemeldet, wer keinen Sitzplatz
mehr ergattern konnte hatte die Möglichkeit, die Präsentationen wahlweise
über MBone, XCast oder RealVideo zu verfolgen. Auf dem Programm
standen drei Vorträge.
Den Anfang machte Hubert Feyrer mit seinem Bericht über den Regensburger Marathon-Cluster, einer Video-Rendering-Anwendung die auf 45 PCs unter NetBSD laufenden PCs die Zeileinlaufsvideos des letztjährigen Regensburger Stadtmarathons berechnete. Die Vorab-Berechnung der Videos erlaubte es jedem der mehr als 5.500 Läufer, nach Eingabe seiner Startnummer seinen eigenen Einlauf ins Ziel in Form eines 6-sekündigen MPEG-Streams anzusehen. Der Vortrag erläuterte den Aufbau des Clusters, den Ablauf des Berechnungsvorgangs sowie die daraus resultierenden Erfahrungen.
Der nächste Vortrag umfaßte die Präsentation der japanischen Linux User Group im Rahmen der BSD-BOF. Dies mag eigentümlich anmuten, macht jedoch Sinn wenn man die Situation in Japan näher betrachtet: BSD wird hier sehr stark für Forschung im Netzwerkbereich, z.B. für IPv6, Multicasting, etc., und in Embedded-Entwicklungen auf Basis von NetBSD benutzt, Linux ist primär im kommerziellen Umfeld und bei Desktop-Distributionen zu finden. Ein Austausch findet hier - wie auch in Deutschland - kaum statt, obwohl beide Systeme viele Gemeinsamkeiten aufweisen und die Neuerfindung des Rades oft durch (bessere?) Kommunikation verhindert werden könnte. In diesem Sinne fand die Vorstellung der JLUG statt, und nach meinen eigenen Erfahrungen ist derselbe Austausch zwischen Linux und BSD auch in Deutschland sehr willkommen (wenngleich auch ebenso selten).
Der dritte Vortrag der BSD-BOF beinhaltete mit XCast eine Methode für Video-Konferenzen auf Basis von Multicast über IPv6. Im Rahmen des japanischen WIDE-Projekts, das auch u.a. durch die Implementierungen von IPv6 für Linux durch das USAGI-Projekt bzw. für BSD durch das KAME-Projekt bekannt wurde, wird die Entwicklung von XCast innerhalb einer eigenen Arbeitsgruppe betrieben, als Entwicklungsplattformen, auf denen die Software heute auch bereits für die "Midnight Meetings" der Entwickler eingesetzt wird dienen Linux, FreeBSD und NetBSD. Mehr Informationen zu XCast gibt's unter http://www.XCast.jp.
Im Anschluß an die BSD-BOF fand im kleinen Rahmen ein Essen mit
mehreren NetBSD-Entwicklern und Bekannten statt. Eine gute
Gelegenheit, viele der Entwickler kennenzulernen, mit denen bisher nur
ein Kontakt via EMail und Chat bestand. Anwesend waren u.a. (auf dem
Foto von links nach rechts): Shin'ichiro Taya, Enami Tsugutomo, Jun
Ebihara, Iwamoto Toshihiro, Hubert Feyrer, Noriyuki Soda, Yuji Yamano,
Masao Uebayashi, Seigo Tanimura und Yoshiyuki Haraoka.
Auffällig ist hier die Konzentration auf die praktische Umsetzung und Verfügbarkeit, und weniger die Anwendung als Kernthemen - diese kann geschehen wenn die Infrastruktur erst vorhanden ist, bzw. wird auch ohnehin an anderen Stellen zur Genüge abgehandelt.
Viele Produkte und Ideen rund um das neue Internet-Protokoll sind in Showrooms in Tokyo und Oosaka zu sehen. Die beiden Showrooms wurden vom oben genannten Council eingerichtet und ausgestattet, und dienen der Information für alle Interessierten. Jeder Showroom enthält eine Webcam die den jeweils anderen Standort zeigt, und die fernsteuerbar ist - alles natürlich über IPv6. Zu sehen sind weiterhin:
Daß IPv6 auch bereits im Netz-"Alltag" Einzug gefunden hat zeigt sich
bei vielen Internet-Providern, die native IPv6 anbieten und IPv4 oft
nur noch als Tunnellösung zur Verfügung stellen. Auch in öffentlich
verfügbaren Netzen wie dem WaveLANs im "Linux Cafe" im tokyoter
Elektronik-Viertel Akihabara oder dem zwischen dem Narita-Flughafen
und Osaka verkehrendem "Narita-Expreß" ist IPv6 heute
selbstverständlich.
In vielen Gesprächen wurde nach der Situation von IPv6 in Deutschland bzw. Europa gefragt. Hier konnte leider wenig Innovatives bei der Umsetzung berichtet werden, was die Meinung bestätigte, daß in Europa viel Forschung auf diesem Gebiet betrieben wird, die Umsetzung jedoch leider auf der Strecke bleibt. Welche Konsequenzen dies haben wird, wenn neueste japanische Technologien IPv6-Infrastruktur zwingend voraussetzen, wird sich zeigen. Bislang fehlt dieser Zwang in Europa und Amerika (leider?) noch. Sollten sich Dienste wie das weiter oben beschriebene XCast oder IPv6 im Rahmen von GPRS/UMTS durchsetzen, dann mag sich dies vielleicht ändern.
Am Bahnhof bereits (in lateinischer Schrift!) als "Electric City"
ausgewiesen ist Akihabara der Stadteil von Tokyo, in dem sich alle
Elektro- und Computerläden befinden. Der Stadtteil ist mehrere
Häuserblöcke groß, und neben einigen großen Straßen von zahllosen
Gassen und kleinen Straßen durchzogen, in denen sich ein Laden neben
dem anderen befindet, oft auf fünf oder mehr Stockwerke
verteilt. Unmengen an Leuchtreklame, Stände mit Straßenverkauf und
Händler die ihre Waren lauthals anpreisen bilden eine perfekte
Jahrmarktsatmosphäre. Nur daß hier PCI-Karten anstatt Popcorn und
Computer jeglicher Coleur anstatt Luftballons feilgeboten
werden.
Einige Impressionen von gesehener Hardware:
Bereits bei den Reisevorbereitungen wird man im Reiseführer über
diverse Preise stolpern, die nicht ganz kompatibel zu den Heimischen
sind, so werden etwa Hotelpreise mit 150EUR aufwärts angegeben, für
Restaurant-Besuche wird empfohlen nicht unter 50 EUR einzurechnen.
Die Realität zeigt hier, daß man jedoch auch wesentlich billiger
leben kann! Unterkunft in "normalen" Hotels ist in Yokohama und Tokyo
ab 70 EUR aufwärts zu haben, und wer der einheimischen Küche nicht
abgeneigt ist, wird auch für unter 10 EUR satt. Hier sollte man dann
allerdings kein Sushi erwarte, sondern Nudelsuppen (sehr lecker!) oder
Reis und irgendwelche Beilagen. Umfangreichere Menüs - und hierzu
darf man dann auch Sushi rechnen, wenn man satt werden will - sind
dann allerdings wirklich teuer, und werden ab 20 bis 30 EUR aufwärts
an vielen Orten angeboten. Etwas Geld sparen kann man dann bei den
Getränken, zu jedem Essen gibt's wahlweise Wasser oder grünen Tee
gratis. Eine sehr schöne Sitte, die in Deutschland leider nicht
verbreitet ist.
Wer nicht essen gehen mag oder sich für's Hotelzimmer mit diversen Sachen eindecken will kann dies in einem der zahllosen 24-Stunden-Supermärkte tun, wo man alles für's Leben nötige erhält. Auch viele kleinere Lokale haben rund um die Uhr auf, so daß man auch auf warmes Essen um 2 Uhr morgens nicht verzichten muß. Sonstige Geschäfte haben üblicherweise auch am Wochenende auf, mit einem Ruhetag einmal die Woche. Geöffnet wird hier oft erst um 10 oder 11 Uhr morgens, dafür kann man dann bis 21h Abends oder noch länger einkaufen.
Wo nochmal sehr viel Geld für einen Japan-Besuch einzuplanen ist ist beim Flug: dieser ist kaum unter 600 EUR zu erhalten, bei kurzfirstigen Reisen sind dann 800 EUR und mehr angesagt. Abgesehen von diesem Posten ist ein Aufenthalt in Japan jedoch nicht wesentlich teurer als ein Aufenthalt in Europa oder den USA.
Wo man jedoch merkliche Unterschiede feststellen wird ist bei Schrift
und Sprache. Wer in Japan aus dem Flugzeug steigt wird erstmal zum
Analphabeten, von Sprache nicht zu reden. Zwar sind manche Sachen an
Flughafen, Bahnhöfen oder öffentlichen Gebäuden und Plätzen noch
in Englisch angeschrieben, zum Durchkommen reicht dies jedoch kaum.
Die japanische Schrift besteht aus zwei Silbenalphabeten, Hiragana und
Katakana, sowie den chinesischen Schriftzeichen mit mehreren tausend
Zeichen - unmöglich hier alle zu kennen, aber zumindest ein gutes
bildliches Gedächtnis hilft hier bereits beim erkennen von Ortnamen
etc. weiter. Im Alltagsbild ist die Silbenschrift Katakana sehr
verbreitet und oft benutzt um aus dem Englischen übernommene Begriffe
zu schreiben.
Worauf man sich jedoch nicht verlassen sollte ist, daß man selbst in Tokyo mit Englisch durchkommt. Zwar wird Englisch wohl an der Schule unterrichtet, aber mangels Übung auch recht schnell wieder vergessen, so daß hier evtl. etwas auf die Kommunikation mit Hilfe von Hände und Füße zurückgegriffen werden muß. Sowohl Schrift als auch Sprache sind jedoch im Alltagsleben (Restaurants, Shopping, etc.) keine große Hürde.
Damit möchte ich meinen Reisebericht schließen, und jedem interessierten Leser viel Spaß bei einem eventuellen Aufenthalt in Japan wünschen!